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Chemisches Recycling in Europa: 65 Projekte auf dem Papier, Schließungen in der Realität

2,8 Mt angekündigte Kapazität gegen rund 150.000 Tonnen laufende Pyrolyse. Viridor schloss drei Quantafuel-Anlagen, Plastic Energy ging in die Insolvenzverwaltung.

Autor
Robert Karbowy
Datum
// 2026.06.16
ID
PC-2606-078
Lesezeit
4 Min.
Pyrolysis plant at dusk with one section shut down
// Inhaltsverzeichnis

Beim chemischen Recycling klafft die größte Lücke dieser Branche zwischen Ankündigung und Betrieb. Stand Oktober 2025 waren in Europa rund 65 Projekte mit einer Gesamtkapazität von etwa 2,8 Millionen Tonnen Kunststoffabfall pro Jahr angekündigt oder im Bau, davon allein 1,68 Millionen Tonnen potenziell über Pyrolyse. Tatsächlich installiert und in Betrieb sind rund 150.000 Tonnen Pyrolyse-Eingangskapazität pro Jahr, weitere über 300.000 Tonnen befinden sich im Bau oder in der Inbetriebnahme. Zugleich schloss Viridor drei Quantafuel-Anlagen in Skandinavien, und Plastic Energy, einer der bekanntesten Pioniere der Branche, ging in die Insolvenzverwaltung.

Angekündigt gegen in Betrieb

Stellt man beide Zahlen nebeneinander, ist das Verhältnis eindeutig: Etwa ein Zwanzigstel der angekündigten Pyrolysekapazität läuft. Diese Lücke belegt keine Unredlichkeit der Projektentwickler. Sie zeigt, wie schwierig in dieser Technologie der Schritt von der Pilot- zur Kommerzanlage ist und wie ungünstig die Wirtschaftlichkeit bei den aktuellen Preisen fossiler Rohstoffe ausfällt.

Pyrolyseöl konkurriert mit Naphtha. Ist Naphtha billig, hat eine Anlage, die gemischten Kunststoffabfall sammeln, sortieren, trocknen und thermisch spalten muss, keinen Kostenvorteil — sondern nur einen regulatorischen und reputationsbezogenen. Für ein Pilotprojekt reicht das. Für eine Kommerzlinie reichte es bislang nicht verlässlich.

Schließungen und neue Zusagen

Viridor legte seine drei Quantafuel-Anlagen für chemisches Recycling in Skandinavien still und begründete dies mit fehlender kommerzieller Tragfähigkeit des Segments. Der britische Pionier Plastic Energy ging in die Insolvenzverwaltung.

Gleichzeitig entstehen neue Zusagen. Waste Plastic Upcycling plant im Hafen von Rotterdam eine Anlage für 80.000 Tonnen Post-Consumer-Kunststoff pro Jahr. Die Technologie wurde also nicht aufgegeben — sie durchläuft eine Selektionsphase, in der jene Anbieter bestehen, die Zugang zu günstigem, stabilem Einsatzmaterial und einen Abnehmer haben, der einen Aufpreis gegenüber dem fossilen Äquivalent zahlt.

Die Regulierung entscheidet — uneinheitlich

Jahrelang war offen, ob chemisch recyceltes Material auf Rezyklatquoten angerechnet werden soll. Antworten liegen inzwischen vor, und sie weisen nicht in dieselbe Richtung.

Einerseits sieht der Entwurf des Durchführungsrechtsakts zur Einwegkunststoffrichtlinie, der am 6. Februar 2026 die Zustimmung des Ausschusses der Mitgliedstaaten erhielt, die Anrechnung chemisch recycelten Materials in PET-Getränkeflaschen unter definierten Bedingungen vor. Der Rechtsakt befindet sich auf dem Weg zur Annahme.

Andererseits erfasst der Entwurf EU-weiter Abfallendekriterien für Kunststoffe, der bis zum 26. Januar 2026 zur Rückmeldung stand, ausschließlich mechanisches und physikalisches Recycling — also Verfahren, welche die Polymerketten erhalten. Chemisches Recycling bleibt in diesem Stadium unberücksichtigt.

Für Projektentwickler ist das eine unbequeme Lage: Dieselbe Technologie wird in einem Rechtsinstrument anerkannt und in einem anderen ausgeklammert, was Investitionsrechnungen über zehn Jahre und mehr erschwert.

Was der November ändern könnte

Ab dem 21. November 2026 verbietet die EU die Ausfuhr von Kunststoffabfällen in Nicht-OECD-Staaten. Schätzungsweise 500.000 bis 800.000 Tonnen jährlich müssen dann vor Ort verarbeitet werden — überwiegend schwieriges, gemischtes Material, also genau jener Einsatzstoff, für den das chemische Recycling konzipiert wurde.

Ob daraus aus angekündigter tatsächlich laufende Kapazität wird, hängt von etwas ab, das die Branche nicht steuert: vom Ölpreis und davon, ob Markenhersteller einen Aufpreis für Polymer mit geringerem CO2-Fußabdruck zahlen. Ohne diesen Aufpreis führt die Pflicht zur inländischen Verwertung eher zur Verbrennung als zur Pyrolyse.

Wie Lieferantenangaben zu lesen sind

  1. Nach produzierten Tonnen fragen, nicht nach Nennkapazität. Beide Werte laufen in dieser Technologie stärker auseinander als irgendwo sonst im Recycling.
  2. Nach dem Einsatzmaterial fragen. Eine mit sauberem Produktionsabfall betriebene Pyrolyseeinheit ist etwas anderes als eine mit gemischtem Post-Consumer-Abfall betriebene — technisch wie hinsichtlich der Umweltaussage.
  3. Massenbilanz-Zuordnung und physischen Gehalt trennen. Chemisch recycelter Anteil gelangt in der Regel über ein zertifiziertes Massenbilanzsystem ins Produkt, nicht als physisch nachweisbares Material.

Häufig gestellte Fragen

Wie viel Kapazität für chemisches Recycling gibt es in Europa?

Stand Oktober 2025 waren 65 Projekte mit rund 2,8 Millionen Tonnen pro Jahr angekündigt oder im Bau, davon 1,68 Millionen Tonnen potenziell über Pyrolyse. In Betrieb sind etwa 150.000 Tonnen Pyrolyse-Eingangskapazität jährlich, über 300.000 Tonnen befinden sich im Bau oder in der Inbetriebnahme.

Welche Anlagen für chemisches Recycling wurden geschlossen?

Viridor schloss drei Quantafuel-Anlagen in Skandinavien mit Verweis auf fehlende kommerzielle Tragfähigkeit, der britische Pionier Plastic Energy ging in die Insolvenzverwaltung. Zugleich plant Waste Plastic Upcycling im Hafen von Rotterdam eine Anlage für 80.000 Tonnen jährlich.

Wird chemisch recyceltes Material auf Rezyklatquoten angerechnet?

Das hängt vom Rechtsinstrument ab. Der am 6. Februar 2026 vom Ausschuss der Mitgliedstaaten unterstützte Entwurf zur Einwegkunststoffrichtlinie sieht die Anrechnung in PET-Flaschen unter Bedingungen vor. Die Entwurfs-Abfallendekriterien für Kunststoffe erfassen dagegen nur mechanisches und physikalisches Recycling.

Weiterlesen

Quellen: EUWID, Übersicht angekündigter europäischer Projekte im chemischen Recycling (Oktober 2025); Berichte zur Schließung der Quantafuel-Anlagen durch Viridor und zur Lage von Plastic Energy; Planungen von Waste Plastic Upcycling für den Hafen Rotterdam; Antwort der Europäischen Kommission auf die parlamentarische Anfrage E-000567/2026; Entwurf der EU-Abfallendekriterien für Kunststoffe; Verordnung (EU) 2024/1157.

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