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Post-Consumer-Rezyklat (PCR) ist Kunststoff aus Verpackungen, die den vollständigen Lebenszyklus beim Verbraucher durchlaufen haben — gekauft, genutzt und in die Sammlung gegeben. Das unterscheidet PCR von Post-Industrial-Rezyklat (PIR), das aus Produktionsabfällen stammt (Fehlchargen, Angüsse, Produktionsverschnitt).
Für FMCG-Verpackungshersteller ist diese Unterscheidung wichtig. PIR ist technisch einfacher (bekannte Herkunft, keine externe Kontamination), aber PCR schließt den Kreislauf tatsächlich — nur PCR kehrt aus dem Konsumentenmarkt zurück. EU-Regulierung (PPWR, SUP-Richtlinie) und ISCC-PLUS-Zertifizierung rechnen den Fortschritt ausschließlich über PCR.
Drei PCR-Polymere in der Praxis
rPET — rezykliertes Polyethylenterephthalat
Wichtigstes PCR-Segment. Vor allem aus Getränkeflaschen — Wasser, Säfte, kohlensäurehaltige Getränke. Zweiter Strom: PET-Schalen (Salate, Obst, Gebäck). Dritter: Textilfasern.
- Lebensmittelechtes rPET — für Lebensmittelkontakt geeignet; erfordert einen SSP-Schritt (Solid State Polycondensation) und einen EFSA-zugelassenen Prozess. Preis in Polen Q1 2026: 1 440 EUR/t (Granulat).
- rPET General Purpose — Non-Food-Verpackungen, Polar-Fleece-Fasern, Bänder. Preis: 780 EUR/t.
rHDPE — rezykliertes Polyethylen hoher Dichte
Vor allem aus Milchflaschen, Shampoo- und Reinigerflaschen. Hart, chemisch beständig, opak. Anwendungen: Non-Food-Flaschen, Rohre, Paletten, Parkmobiliar. Lebensmittelechtes rHDPE bleibt eine Nische — nur 6 EU-Anlagen sind für Milch und Milchprodukte zugelassen.
rPP — rezykliertes Polypropylen
Aus Verschlüssen, Haushaltsbehältern, technischen Verpackungen. Lieferreife geringer als bei PET/HDPE — Preise volatiler, aber Anwendungen (Kosmetiktiegel, technische Folien) wachsen mit der Öko-Modulation schnell.
Wie PCR entsteht — sechs Schritte
1. Selektive Sammlung
Flaschen gelangen über drei Wege in die Sortierung: Pfandsystem (DRS), kommunaler gelber Sack oder Rücknahme im Handel. DRS liefert den saubersten Strom — der Verbraucher sortiert vor, RVMs weisen Fehleinwürfe zurück.
2. Mechanisch-optische Sortierung
Die Anlage trennt den Strom in Fraktionen. Schlüsseltechnik: Trommelsiebe, ballistische Trenner (Folie vs 3D-Verpackungen), NIR-Sortierer (Polymeridentifikation), Farbsortierer (klar vs farbig). Moderne Anlagen erreichen 96–98 % Fraktionsreinheit.
3. Zerkleinern
Sortierte Verpackungen durchlaufen Schneidmühlen oder Rotationsguillotinen — Ergebnis: Flakes mit 8–12 mm. Transport zum Recycler in Ballen à 300–500 kg.
4. Waschen und Reinigen
- Heißwäsche in Natronlauge (85–95 °C) — entfernt Kleber, Fette, organische Verunreinigungen
- Schwimm-Sink-Trennung — nach Dichte (PET sinkt, HDPE-/PP-Verschlüsse schwimmen)
- Trocknung — auf Feuchte unter 0,1 %
- Kontaminationsdetektion — NIR-Sortierer auf Flake-Ebene weisen PVC, schwarze Kunststoffe und Metallpartikel zurück
5. Extrusion / Granulierung
Saubere Flakes gehen in den Extruder, werden geschmolzen (PET: 260–280 °C) und granuliert. Filtersiebe (6–40 μm) fangen Restverunreinigungen ab.
6. SSP — nur für lebensmittelecht
Solid State Polycondensation ist der Zusatzschritt für lebensmittelechtes rPET. Granulat wird 12–18 h bei 200–220 °C unter Stickstoff und reduziertem Druck behandelt. Effekte:
- Verdampft flüchtige Verunreinigungen (Reste von Benzol, Limonen, Acetaldehyd)
- Erhöht das Polymergewicht (IV, intrinsic viscosity) auf vPET-Niveau (0,78+ dl/g)
- Zertifiziert die Charge als EFSA-lebensmittelecht
Nach SSP ist das Granulat bereit für neue Flaschen — der Bottle-to-Bottle-Schritt.
Welche Zertifikate zählen
- EFSA Food Grade — Stellungnahme der EFSA zur Zulassung eines konkreten Recyclingprozesses für Lebensmittelkontaktmaterialien. Ohne sie kauft keine Getränkemarke.
- ISCC PLUS — globaler Mass-Balance- und Traceability-Standard. In Europa die häufigste Zertifizierung für rPET und chemisches Recycling. Ab Q4 2026 in der Version v4.2 mit schärferen Anforderungen (siehe unser Artikel).
- Operation Clean Sweep (OCS) — Anlagenstandard für Mikroplastik-Vermeidung. Häufig in grünen Ausschreibungen verlangt.
Nationale Standards (DIN CERTCO in Deutschland, AFNOR in Frankreich) ergänzen das Compliance-Portfolio des Lieferanten.
PCR-Anwendungen in der Praxis
| Polymer | Typischer PCR-Anteil | Anwendungen |
|---|---|---|
| rPET lebensmittelecht | 30–100 % | Getränkeflaschen, Lebensmittelschalen, thermoformbare Folien |
| rPET General | 50–100 % | Polarfasern, Textilien, Bänder, Non-Food-Verpackungen |
| rHDPE lebensmittelecht | 30–100 % | Milchflaschen, lebensmittelechte Kosmetik |
| rHDPE General | 50–100 % | Chemieflaschen, Rohre, Paletten, Möbel |
| rPP | 20–50 % | Kosmetikverpackungen, technische Becher, Folien |
PCR in der EU-Regulierung
Die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) 2024 schreibt verpflichtende PCR-Anteile vor:
- PET-Getränkeflaschen: 30 % PCR ab 2030, 65 % ab 2040
- Non-Food-PET-Flaschen: 35 % ab 2030
- HDPE/PP-Verpackungen Non-Food: 25 % ab 2030
- Kosmetikverpackungen: 10 % ab 2030 (steigend)
Nichterfüllung der Ziele zieht Ausgleichsgebühren und Marktzugangsbeschränkungen nach sich (einzelne Kategorien werden ausgephased).
Was PCR nicht kann
- PVC — Chlor verunreinigt die Recyclinglinie
- Multilayer mit EVOH, PA — bedarf chemischen Recyclings, das erst skaliert
- Carbon-Black-Kunststoffe — von NIR-Sortierern nicht erkannt
- Verschmutzte Verpackungen (Öl, Fett, Lebensmittelreste) — nur nach Spülung
- Sehr kleine Teile (Verschlüsse) — gehen in den Sieben verloren
Typischer polnischer Gelber-Sack-Strom liefert 30–45 % verwertbares Rezyklat. Der Rest geht in RDF oder auf die Deponie. DRS hebt diese Quote auf 94 %+ — deshalb ist DRS für eine kreislauforientierte FMCG-Branche strategisch.
Fazit
PCR ist kein abstraktes ESG-Label — es ist ein konkretes Polymer mit konkretem Prozess, konkreter Zertifizierung und konkretem Marktpreis. Den Unterschied zwischen lebensmittelechtem und General-Purpose-rPET zu verstehen, zwischen rHDPE für Milch und für Kosmetik, zwischen ISCC-PLUS-Mass-Balance und physischer Trennung — das ist die Basiskompetenz jeder Verpackungseinkäuferin 2026. Ohne dieses Wissen werden ESG-Zusagen zum Compliance-Risiko statt zur Strategie.