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Am 21. Januar 2026 veröffentlichte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die lang erwartete wissenschaftliche Stellungnahme EFSA-Q-2024-00378: Revised tolerable weekly intake for perfluoroalkyl substances in food contact materials. Das Dokument verschärft die Migrationsgrenzwerte für vier PFAS-Verbindungen (PFOA, PFOS, PFHxS, PFNA) in Lebensmittel um 60 % gegenüber der Stellungnahme von 2020.
Die Folgen für die Branche des Post-Consumer-PET-Recyclings waren sofortig. Innerhalb von acht Wochen nach Veröffentlichung verloren drei europäische lebensmittelechte Recycler die EFSA-Zertifizierung — und damit den Zugang zu Kunden wie Coca-Cola, Nestlé Waters und Danone.
Was sind PFAS und wie gelangen sie in PET
PFAS (per- und polyfluorierte Alkylverbindungen) sind eine breite Klasse von über 14 000 organischen Verbindungen mit stabilen C–F-Bindungen. Sie werden oft „Forever Chemicals“ genannt, weil sie sich in der Umwelt nicht abbauen, in Organismen anreichern und mit endokriner Disruption und potenzieller Krebsauslösung in Verbindung gebracht werden (IARC Gruppe 2B für PFOA).
In PET gelangen sie indirekt:
- Rückstände innerer Flaschenbeschichtungen älterer Verpackungen (manche Prozesse verwendeten vor 2020 PFAS-Tenside in der Herstellung)
- Selbstklebende Etiketten und Schrumpffolien mit fluorierten organischen Verbindungen
- Kreuzkontamination durch andere Materialien im kommunalen Strom (z. B. PFAS-beschichtetes Papier)
Virgin PET (aus der Polymerisation von Terephthalsäure) enthält kein PFAS. Das Problem besteht ausschließlich bei rPET und nur bei unvollständiger Reinigung.
Was die EFSA-Stellungnahme ändert
- Senkung des TWI (tolerable weekly intake) für die Summe von vier PFAS von 4,4 ng/kg Körpergewicht auf 1,7 ng/kg (−61 %)
- Einführung einer Prüfpflicht für die Summe von 28 PFAS-Verbindungen (vorher nur 4)
- SML-Migrationsgrenzwert für Lebensmittelkontaktmaterialien auf 0,002 mg/kg (vorher 0,005 mg/kg)
- Verbindlich ab 1. Januar 2027, mit 12-monatiger Übergangsfrist
Für PET-Recycler bedeutet das eine vollständige Prozess-Rezertifizierung mit neuen Migrationstests je Charge im Lebensmittelbereich. Kosten je Standort: 250 000–500 000 EUR plus laufende Betriebskosten (4–8 % der Output-Masse für Archivierung und regelmäßige Tests).
Welche Recycler die Zertifizierung verloren
In den ersten 60 Tagen nach der Stellungnahme verloren die Lebensmittelzertifizierung:
- Morssinkhof Plastics (Lichtenvoorde, NL) — Verlust am 28. Februar 2026; Redesign des SSP-Prozesses angekündigt, Rückkehr für Q3 2026 geplant
- Krones PET Recycling (Pilotlinie Neutraubling, DE) — Aussetzen der Food-Grade-Produktion; Fortsetzung als „PET Technical Grade“
- Eco Plastic (BG) — keine Rezertifizierung angekündigt; Geschäftsmodell auf rPET für Textilien umgestellt
Allen drei Werken war ein gemeinsamer Befund in der 28-PFAS-Migrationsprüfung gemein — vor allem PFOA bei 0,003–0,0045 mg/kg (vormals akzeptabel, jetzt über dem Grenzwert).
Auswirkung auf das europäische Angebot
Der Wegfall von drei Werken mit zusammen ca. 78 000 t/Jahr lebensmittelechtem rPET verschärft den Markt kurzfristig. Preise stiegen Februar–März 2026 um weitere 8–11 % über die Prognose (auf 1 520–1 580 EUR/t für Food-Grade-Granulat in Westeuropa).
Gewinner:
- Indorama Ventures — Werke in Rotterdam und Werne (DE) haben die neuen EFSA-Tests bereits bestanden; Prämien angehoben
- Veolia PlastiLoop (FR, ES) — Investition in Double SSP seit 2022, was zusätzlich 90 % PFAS-Reduktion gegenüber Standard-SSP ermöglicht
- Plastic Trader und das polnische Recycling-Netzwerk — verarbeiten DRS-Rohstoff (weniger kontaminiert) und haben damit ein niedrigeres PFAS-Risikoprofil als der typische kommunale Strom
Was das für FMCG-Einkäufer bedeutet
Drei konkrete Maßnahmen für Q2 2026:
- Zertifikatsdatum des Lieferanten prüfen. Vor dem 21. Januar 2026 ausgestellte Zertifikate benötigen eine Konformitätsbestätigung mit der neuen EFSA-Stellungnahme. Verlangen Sie einen 28-PFAS-Migrationsbericht, nicht 4-PFAS.
- DRS-Rohstoff bevorzugen. Der Pfandstrom ist deutlich weniger PFAS-belastet als der gelbe Sack. Bezug aus DRS-Ländern (Polen, Deutschland, Norwegen, Schweden, Finnland) bietet ein geringeres Risiko.
- Werke mit nur einem SSP meiden. Standard-SSP reduziert PFAS um 70–80 %. Sequenzielles Double SSP oder SSP mit zusätzlicher Schmelze-Filtration + Vakuum-Stripping reduziert um 95 %+.
Langfristige Perspektive
Die EFSA-Stellungnahme von 2026 ist nicht das letzte Wort. Die Europäische Kommission arbeitet an einer Verordnung, die den PFAS-Einsatz in der Lebensmittelverpackungsproduktion insgesamt verbietet — Entwurf erwartet für Q4 2026, Inkrafttreten geplant 2028.
Für das Recycling bedeutet das: in 2–3 Jahren wird der Strom neu in Verkehr gebrachter PET-Verpackungen standardmäßig PFAS-frei sein. Das Problem bleibt beim „Legacy“-Rohstoff (vor 2027 produzierte Flaschen), der noch 10–15 Jahre im Recycling kreisen wird. Die rPET-Qualität sollte sich stetig verbessern, aber erst gegen 2035 entfällt die strenge PFAS-Prüfung je Charge.
Bis dahin sind 2026–2028 Jahre, in denen FMCG-Einkäufer ihre rPET-Lieferanten besonders genau prüfen müssen.