// Inhaltsverzeichnis
2026 ist für die Branche des lebensmittelechten rPET ein Jahr regulatorischer Verschärfungen. Die Absenkung der PFAS-Grenzwerte durch EFSA (Januar 2026), das Update von ISCC PLUS auf v4.2 (Oktober 2026) und die anstehenden PPWR-Pflichten 2030 zwingen Verpackungshersteller zu deutlich strengeren Anforderungen an rPET-Lieferanten.
Diese Übersicht ordnet die Schlüsselzertifikate von compliance-kritisch bis optional „nice to have“. Für FMCG-Einkäufer in Polen und der EU bedeutet das Fehlen dieses Wissens heute reales finanzielles Risiko — Audits, Bußgelder und im Falle einer Lebensmittelkontakt-Nichtkonformität zivilrechtliche Haftung.
Kritische Zertifikate (Pflicht)
1. EFSA Opinion — Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit
In der EU die Eintrittskarte. Jeder PET-Recyclingprozess, der lebensmittelechtes rPET liefert, benötigt eine positive EFSA-Stellungnahme. Sie wird für eine konkrete Technologie (z. B. „Gneuss SSP“, „Starlinger iV+“, „Ohl RecoSTAR“) und einen konkreten Standort ausgestellt.
Verifikation:
- Lieferant nennt Stellungnahmenummer (Format EFSA-Q-YYYY-NNNNN) und Ausstellungsdatum
- Vor dem 21. Januar 2026 ausgestellte Opinionen benötigen einen 28-PFAS-Migrationsbericht als Ergänzung
- EFSA-Liste:
efsa.europa.eu/en/applications/food-contact-materials
Die EFSA-Opinion gilt unbefristet, ist aber bei jeder wesentlichen Prozessänderung (z. B. Tausch des SSP-Reaktors) erneut zu prüfen.
2. ISCC PLUS — Integrated Sustainability and Carbon Certification
Der De-facto-Standard für Traceability bei rPET in der EU. Zertifiziert die gesamte Lieferkette — von Sammlung bis Endprodukt. In v4.2 (ab 1. Oktober 2026) wird der Nachweis physischer Chargen-Trennung für lebensmittelechte Anwendungen verlangt.
Anforderungen an den Lieferanten:
- Aktuelles ISCC-PLUS-Zertifikat (Gültigkeit i. d. R. 12 Monate)
- Konformität mit der aktuellsten Version (v4.2 ab Q4 2026)
- Dokumentierte Sustainability Declaration für jede gelieferte Charge (mit Batch-ID)
ISCC PLUS ist kein Lebensmittelsicherheits-Zertifikat — es ist Traceability. Es ersetzt weder EFSA noch FDA, ermöglicht aber Marken die glaubhafte Kommunikation von „X % Rezyklat“ in ESG-Aussagen.
3. FDA Letter of No Objection (LNO) — für Nicht-EU-Märkte
Das US-Pendant der EFSA-Opinion. Die FDA stellt LNOs für konkrete PET-Recyclingprozesse aus. Für jeden Hersteller mit Export in die USA, nach Kanada (per Vereinbarung), Mexiko oder unter US-Markenverträgen erforderlich. Bis 2026 sind über 200 LNOs erteilt; alle öffentlich in der FDA Food Contact Notification (FCN).
Technische Qualitätsstandards (kritisch für den Einkauf)
4. ASTM D7611 — PET-Terminologie
ASTM-International-Norm, definiert PET-Terminologie und -Klassen. Einkäufer verlangen Konformität mit:
- ASTM D4603 — Methodik zur Messung der intrinsischen Viskosität (IV). Für Getränkeflaschen: 0,78–0,84 dl/g.
- ASTM D3418 — Schmelztemperatur (Tm). PET: 245–260 °C.
- ASTM D792 — Dichte. PET: 1,38–1,40 g/cm³.
Jede Charge lebensmittelechtes rPET liefert einen Certificate of Analysis (CoA) gemäß den o. g. Normen.
5. ISO 22000 — Lebensmittelsicherheits-Managementsystem
Globaler Standard für das Lebensmittelsicherheits-Management, inkl. Lebensmittelkontaktmaterialien. Der Recycler sollte ISO 22000 oder branchenüblicher Pendants haben:
- FSSC 22000 — Food Safety System Certification (ISO 22000 + Zusatzanforderungen)
- BRCGS Packaging Materials — GFSI-anerkannter britischer Standard
- IFS PACsecure — internationaler Standard für Kontaktverpackungen
Für polnische Verträge mit europäischen FMCG-Marken ist FSSC 22000 oder BRCGS heute praktisch Pflicht.
Zusätzliche Zertifizierungen (nice to have)
6. Operation Clean Sweep (OCS)
Globales Programm zur Reduzierung von Mikroplastik-Emissionen aus Produktionsstätten. Kein ISO-Zertifikat, wird jedoch zunehmend in grünen Ausschreibungen und Verträgen mit klimaneutralen Konzernen verlangt.
7. B Corp
Umfassender Umwelt-Sozial-Audit. Für rPET-Werke vor allem Marketing — signalisiert geteilte ESG-Werte.
8. Halal / Kosher
Für Marken in mehrheitlich muslimischen Ländern oder im Koscher-Segment notwendig — bestätigt den Verzicht auf nicht standardkonforme Enzyme oder Hilfsstoffe.
Praktischer Verifikationsprozess
- Fordern Sie die vollständige Zertifikatsliste an. Ein guter Lieferant hält 4–6 Zertifikate. Fehlende EFSA + ISCC PLUS = automatische Red Flag.
- Verifizieren Sie Daten und Nummern. Jede Zertifizierung ist in öffentlicher Datenbank überprüfbar. EFSA: Online-Datenbank; ISCC:
iscc-system.org/certificates; FSSC:fssc22000.com/certificates. - Verlangen Sie den aktuellsten Auditbericht. Externe Auditoren (SGS, Bureau Veritas, DNV) sind alle 12 Monate zu erneuern. Bericht älter als ein Jahr = Red Flag.
- Verlangen Sie das CoA bei jeder Lieferung. CoA mit IV, Tm, Dichte, Feuchte, Kontamination. Lieferanten ohne CoA — meiden.
- Planen Sie Eigenaudits alle 2–3 Jahre. Linie, Trennsilos und QS-Labor zu sehen ist eine Investition, die sich beim ersten Compliance-Fall amortisiert.
Red Flags — Lieferanten zum Meiden
- Keine EFSA-Stellungnahmenummer auf Anfrage
- Abgelaufenes ISCC-PLUS-Zertifikat ohne Rezertifizierungsplan
- Kein CoA verfügbar
- Migrationsbericht nur über 4 PFAS (nicht 28), obwohl der Vertrag nach dem 1. Januar 2027 startet
- Keine getrennten Silos für unterschiedliche Materialklassen — alles „ad hoc“ gemischt
- „Hauslabor“-Auditberichte statt unabhängiger Auditoren
Zertifizierungskosten — zur Einordnung
- EFSA Opinion (Antragsprozess): 150 000–400 000 EUR
- ISCC PLUS (erstes Jahr + Systemimplementierung): 30 000–80 000 EUR
- FSSC 22000 (Zertifizierung + Jahresaudit): 12 000–25 000 EUR/Jahr
- BRCGS (Audit): 8 000–20 000 EUR/Jahr
- FDA LNO (Antragsprozess): 60 000–120 000 USD
Beim Lieferanten ist dieser Kostenblock im Preis des lebensmittelechten rPET enthalten — deshalb liegt zertifiziertes Material 30–40 % über „Technical Grade“. Diese Differenz ist keine Markenprämie, sondern reale Compliance-Kosten.
Fazit
2026 ist die lebensmittelechte rPET-Branche kein „Wachstumsmarkt“ mehr — sie ist ein reifes Ökosystem mit strengen Standards. Wer auf den niedrigsten Preis schaut und Zertifikate überspringt, übernimmt Risiken (regulatorisch, reputational, Produktrückruf), die die Ersparnis weit übersteigen. EFSA + ISCC PLUS + FSSC 22000 sind heute das Minimum. Lieferanten, die weniger bieten, sind kurzfristige, keine strategischen Lösungen.