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Chemisches Recycling (CR) ist seit einem Jahrzehnt das größte Versprechen der Polymerbranche — mechanisch schwer recycelbare Kunststoffe (Multilayer-Folien, Mischungen, PS, PVC, verschmutztes PE) sollten über Depolymerisation zu Monomeren zurückfinden. Bis 2020 waren die Versprechen üppiger als die Ergebnisse. 2026 bringt die erste Generation kommerziell laufender Werke in Europa — und einen Realitätscheck, welche Technologien skalieren.
Drei Technologiewege
Pyrolyse (wärmegetriebene Solvolyse)
Kunststoffe werden bei 400–800 °C in sauerstofffreier Atmosphäre erhitzt und thermisch zerlegt in Pyrolyseöl (ein Kohlenwasserstoffgemisch). Nach Aufarbeitung in der Petrochemie ersetzt es Naphtha als Steam-Cracker-Rohstoff. Anwendung: vor allem PE/PP-Folien, Gummirückstände, gemischte Kunststoffe.
Kommerzielle Werke: Sabic Geleen (NL, 50 000 t/Jahr, seit 2024), BASF ChemCycling Schwarzheide (DE, 80 000 t/Jahr, seit 2025), OMV ReOil Vienna (AT, 200 000 t/Jahr — größtes, seit Q1 2026).
Pilotanlagen: OMV Schwechat, Neste Porvoo, Ineos Köln, Borealis Stenungsund.
Glykolyse (PET-Depolymerisation zu BHET)
PET reagiert mit Ethylenglykol bei 180–220 °C und zerfällt zu bis(2-hydroxyethyl)terephthalat (BHET) — einem Monomer, aus dem PET jeder Qualität (auch lebensmittelecht) repolymerisiert werden kann.
Werke: Ioniqa Rotterdam (NL, 10 000 t/Jahr), Loop Industries / Suez (Pilot bei Saint-Avold, FR, 15 000 t/Jahr), Plastic Energy (Sevilla, ES, 25 000 t/Jahr). Bemerkenswerter Pilot: Carbios (Clermont-Ferrand, FR — enzymatische Glykolyse, der innovativste Ansatz in der Region).
Methanolyse (PET zu DMT)
PET reagiert mit Methanol und zerfällt zu Dimethylterephthalat (DMT) und Ethylenglykol. Kapitalintensivste Technologie, aber außergewöhnlich reines Produkt — geeignet für die schwierigsten Ströme (pigmentiert, Multilayer).
Einziges kommerzielles Werk in Europa: Plastic Energy Rotterdam (25 000 t/Jahr, seit Q4 2025). Eastman (Kingsport, USA) baut ein Schwesterwerk in Kühlungsborn (DE) — Start für Q2 2027 geplant.
Die Zahlen
| Typ | Kommerziell | Pilotanlagen | Gesamtkapazität |
|---|---|---|---|
| Pyrolyse | 3 | 4 | ~330 000 t/Jahr |
| Glykolyse | 3 | 2 | ~50 000 t/Jahr |
| Methanolyse | 1 | 1 | ~25 000 t/Jahr |
| Gesamt | 7 | 7 | ~405 000 t/Jahr |
405 000 t/Jahr klingt beeindruckend — gegenüber der europäischen Polymerproduktion (55 Mt/Jahr) sind das weniger als 1 %. Allein das mechanische PET-Recycling in der EU liegt bei ~1,8 Mt/Jahr — rund 5× so viel wie der gesamte chemische Pfad.
Wo CR funktioniert, wo nicht
Funktioniert für:
- Nicht-kommunale Kunststoffmischungen (industriell, Automotive ELV, WEEE) — Pyrolyse hat hier ihre beste Ökonomie
- Pigmentierten PET (grüne, braune Flaschen) — Glykolyse und Methanolyse erzeugen ein farbloses Monomer
- Multilayer-PET-Flaschen mit EVOH-Barriere — Methanolyse
Funktioniert (noch) nicht für:
- Saubere DRS-PET-Flaschen — mechanisches Recycling ist 30–40 % günstiger und energetisch besser
- PET-Textilien (die nächste ambitionierte Kategorie) — technisch machbar, aber Haus-Sammlung ist noch nicht skaliert
- Kleine Volumina — CR braucht 50 000+ t/Jahr, um wirtschaftlich Sinn zu ergeben; lokale oder spezialisierte Ströme bleiben unrentabel
Das Mass-Balance-Paradox
Das größte CR-Problem 2026 ist das Mass-Balance-Paradox. Ein Pilotwerk produziert z. B. 5 000 t Pyrolyseöl, das einer Raffinerie mit Milliarden Litern Naphtha zugeführt wird. Auf dem Papier können diese 5 000 t einer Produktion von z. B. 4 500 t „Recycled-Content“-Polymer zugeordnet werden — und die Marke druckt „mit 30 % Rezyklat hergestellt“ auf die Verpackung. Wie in unserem ISCC-PLUS-v4.2-Artikel beschrieben, wird diese Buchungs-Allokation ab Q4 2026 stark eingeschränkt. Für CR heißt das: tatsächliche physische Trennung ist erforderlich — und das untergräbt die Ökonomie der Integration von Pyrolyseöl in bestehende Steam-Cracker.
Investment-Ranking 2026
Wood Mackenzie bewertet das Risikoprofil 2026:
- PET-Methanolyse → DMT (höchstes Risiko, höchstes Potenzial) — Capex 300–450 Mio. EUR pro Werk, Produkt aber vPET-lebensmittelecht in Qualität
- Enzymatische Glykolyse (Carbios) (mittleres Risiko, hohes Innovationstempo) — geringerer Capex, aber niedrige technologische Reife
- PE/PP-Pyrolyse (niedrigstes Risiko, niedrige Marge) — reife Technologie, aber abhängig von Petrochemie-Integration und Energiekosten
Ausblick bis 2030
Bis 2030 sollte die europäische CR-Kapazität 1,2–1,8 Mt/Jahr erreichen — etwa das Dreifache des heutigen Niveaus. Sie bleibt komplementär zum mechanischen Recycling. Die Rollenverteilung wird natürlich:
- Mechanisch — saubere Ströme, DRS, sortierfähig (PET, HDPE, PP)
- Chemisch — schwierige Ströme, gemischt, pigmentiert, Multilayer
Praktisch für FMCG-Marken: 2026 ist CR noch keine Alternative zum mechanischen rPET. Ab 2028 aber Teil des Portfolios, vor allem für Verpackungen, die heute schlicht nicht recycelt werden können.