// Inhaltsverzeichnis
Der März 2026 war in der FMCG-Branche ein Monat der Zielrevisionen. Nach einem Jahrzehnt ehrgeiziger Zusagen — und zwei Jahren Marktbeweis — veröffentlichten drei der größten globalen Marken aktualisierte Zusagen zum Anteil von recyceltem PET in Verpackungen bis 2030. Die Lehren sind aufschlussreich — und nicht alle Bewegungen gehen in die Richtung, die das Narrativ vom „Greenwash-Backlash“ nahelegt.
Coca-Cola: von 50 % auf 35 %
Die sichtbarste Veränderung: Coca-Cola senkt das Ziel von 50 % rPET bis 2030 (angekündigt 2022) auf 35 % rPET bis 2030 (angekündigt im März 2026). Die Investor-Mitteilung nennt drei Gründe:
- Die reale Verfügbarkeit von lebensmittelechtem rPET in Schlüsselmärkten (Asien, Südamerika) wächst langsamer als angenommen
- Die Kosten von zertifiziertem lebensmittelechtem rPET stiegen in 18 Monaten (H2 2024 – H1 2026) um 40 % gegenüber Virgin PET
- Compliance-Risiken aus neuen EFSA/FDA-Stellungnahmen zu Mikrokontaminanten schließen einige rPET-Quellen aus
Die Märkte reagierten ruhig — KO-Aktien gaben am Tag der Ankündigung um 0,4 % nach. Analysten von JP Morgan und Barclays nannten die Revision pragmatisch, während verbrauchernahe Medien (NGOs, Fachpresse) die Inkonsistenz mit einer Dekade früherer Aussagen kritisieren.
In Europa, wo Coca-Cola auf DRS setzt, bleibt das Ziel höher — 50 % rPET in Flaschen bis 1 L bis 2028. Die regionale Asymmetrie ist die zentrale Botschaft.
Danone: von 30 % auf 40 % (höher)
Die entgegengesetzte Bewegung bei Danone — die französische Molkerei- und Wassergruppe hob das Ziel von 30 % auf 40 % rPET bis 2030. Begründung:
- Ein langfristiger Liefervertrag mit Indorama Ventures (weltweit größter rPET-Hersteller) sichert ab 2027 jährlich 180 000 t lebensmittelechtes Material
- 230 Mio. EUR Investition in zwei eigene PCR-Werke in Spanien und Polen (Racibórz, Start Q3 2026)
- Danones Strategie „B Corp + Carbon Positive“ verlangt den technisch höchstmöglichen Rezyklatanteil
Als erste Marke des Portfolios wird Evian (Premium-Wasser) auf 100 % rPET im Jahr 2027 vorgezogen — zwei Jahre früher als zuvor zugesagt. Branchenbeobachter lesen das als „Moat Building“ — Positionierung vor Nestlé Waters und Coca-Cola Dasani.
Unilever: unverändert — mit regionalem Twist
Unilever hält an 25 % Rezyklatanteil über alle Kunststoffe bis 2025 (fast erreicht — 24,1 % in 2025) und 50 % bis 2030 fest. Die März-2026-Mitteilung hebt jedoch lebensmittelechtes rPET für Getränke in eine Prioritätsspur — und gibt zu, dass frühere Zusagen zu optimistisch waren.
Erstmals veröffentlicht Unilever einen regionalen Breakdown: Europa + EMEA 60 % Rezyklatanteil bis 2030, Nordamerika 45 %, Asien-Pazifik 30 %. Der Split ist ehrlicher — er spiegelt die reale Rohstoffverfügbarkeit und Sammelinfrastruktur wider.
Was die drei Ansätze verbindet
Trotz oberflächlicher Unterschiede (niedriger, höher, regionalisiert) konvergieren die drei auf drei strategische Lehren:
- Regionale Differenzierung statt einer globalen Prozentzahl. Die Dekade „50 % global bis 2030″ ist vorbei. Jede Region hat ihr eigenes, auf lokale DRS/EPR/Sammelinfrastruktur abgestimmtes Ziel.
- Vertikale Integration oder Langfristverträge. Danone kauft eigenes PCR-Werk. Coca-Cola hält 5-Jahres-Verträge mit Veolia und Indorama. Unilever investiert in Mr. Green Africa (PCR-Hub in Kenia). Der Spot-Markt reicht für Volumina über 50 000 t/Jahr nicht mehr aus.
- Lebensmittelechtes ist der Engpass. Rezyklatanteil für Non-Food-Verpackungen lässt sich leicht skalieren. Der Engpass liegt im Food-Grade: EFSA-zugelassene Rohstoffe, SSP-Kapazität (Solid State Polycondensation) und Zertifizierungskosten begrenzen das Tempo.
Konsequenzen für mittelgroße FMCG
Für mittelgroße Marken (10 000 – 100 000 t PET-Verpackung pro Jahr):
- Nicht auf den Spot-Markt warten. Große Akteure haben 3-Jahres-Verträge im Voraus gesichert. 2027–2028 wird Spot noch enger.
- Realistisch zielen. 50 % rPET bis 2028 ist für mittelgroße FMCG heute sehr schwer. 30 % bis 2028 + Pfad zu 50 % bis 2032 ist realistisch und kommunizierbar.
- Regionale Lieferdifferenzen beobachten. Europa (mit DRS) hat heute einen lebensmittelechten rPET-Überschuss. Polen exportiert etwa 40 000 t/Jahr nach Deutschland. Der Trend beschleunigt sich 2027.
Historischer Kontext
Vor einer Dekade lag der rPET-Anteil in Getränkeflaschen der großen Marken unter 3 %. Heute beträgt der europäische Durchschnitt 22 %, und die ehrgeizigsten Marken (Evian, Perrier, Acqua Panna) erreichen 100 %. Das Veränderungstempo ist real — niedrigere öffentliche Zusagen bedeuten keinen Rückzug, sondern ehrlichere Planung einer laufenden Transformation.
2026 könnte das Jahr sein, in dem Konzernpräsentationen aufhören zu versprechen, was „im ESG-Bericht gut klingt“, und beginnen zu kommunizieren, was tatsächlich lieferbar ist. Für die Branche des lebensmittelechten rPET ist das eine gesunde Verschiebung.