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Die International Sustainability and Carbon Certification (ISCC) — globaler Standard für nachhaltige Lieferketten — veröffentlichte am 15. Februar 2026 die Aktualisierung ISCC PLUS v4.2. Ab dem 1. Oktober 2026 schränkt sie die Methode Mass Balance erheblich ein.
Für die Branche der Post-Consumer-Rezyklate ist das eine große Veränderung. Das bisherige Modell — buchhalterische „Allokation“ von Rezyklat zu bestimmten Produktchargen ohne physische Trennung — war Grundlage vieler Marken-Commitments. Coca-Cola, Unilever, L’Oréal und Nestlé stützen ihre rPET- und Bio-Ziele auf ISCC PLUS Mass Balance. Die neuen Regeln machen diese Zusagen nicht ungültig, verschärfen aber die Verifizierung.
Was Mass Balance in ISCC PLUS bedeutet
Mass Balance ist eine Buchhaltungsmethode: Eine Anlage erhält z. B. 1 000 t Mischung aus rPET und Virgin PET, davon 400 t zertifiziertes Rezyklat. Der Hersteller kann daraus 1 000 t Polymer produzieren und 400 t als „ISCC PLUS Rezyklat“ deklarieren, obwohl jedes Granulat physisch eine Mischung ist. Voraussetzung: Bilanz halten — nicht mehr Zertifiziertes verkaufen als hereingekommen.
Operativ bequem — nutzt bestehende Extrusionslinien ohne Trennung. Marketingseitig bequem — die Marke kann „enthält 30 % rPET“ drucken, ohne den Strom physisch zu teilen.
Was v4.2 ändert
1. Nachweis physischer Chargen-Trennung für kritische Anwendungen
Für Lebensmittelkontaktmaterialien bleibt Mass Balance zulässig, aber ein auditierbarer Nachweis ist erforderlich:
- Getrennte Silos für zertifiziertes und nicht-zertifiziertes Material mit Volumenerfassung
- Separate Chargen-IDs in allen MRP/ERP-Dokumenten
- Physische Trennung mindestens beim Finishing (letzte Extrusion vor der Verpackung)
Die bisherige Praxis „Bilanz auf Werksebene“ (alles mischen, am Monatsende abgleichen) erfüllt den neuen Standard nicht für lebensmittelechte Anwendungen.
2. Lückenlose Dokumentation — vom Sammelpunkt bis zur Preform
ISCC verlangt jetzt eine ununterbrochene Dokumentationskette vom ersten PCR-Sammelpunkt bis zum Verpackungshersteller. Jedes Glied muss ISCC PLUS zertifiziert sein, jede Übergabe erzeugt eine Sustainability Declaration mit Chargen-ID und Masse. Spot-Einkäufe bei nicht-zertifizierten Zwischenhändlern mit späterer Verbuchung sind damit ausgeschlossen.
3. Credit Pool — neue Flexibilität für technische Qualitäten
Für Non-Food-Technikqualitäten (rHDPE, rPP-Industrieregrind) führt ISCC Credit Pooling ein — die Bilanzierung über das gesamte europäische Werksnetz statt je Standort. Das senkt die Compliance-Kosten großer Konzerne.
Marktimplikationen
Recycler: steigende Betriebskosten (Silos, Traceability, Doppel-Audit), aber wachsende Prämie auf zertifiziertes Material. Wood Mackenzie schätzt die ISCC-PLUS-Prämie auf nicht-zertifiziertes rPET von heute 8 % auf 14–16 % bis Q4 2026.
FMCG-Marken: die größten Konzerne (Coca-Cola, Unilever, Danone, P&G) haben Verträge neu verhandelt und v4.2-Konformität ab 1. Oktober 2026 verlangt. Kleinere regionale Marken könnten Lieferschwierigkeiten bekommen — ein Mangel an zertifiziertem rPET ist im Q4 2026 ein reales Risiko.
Chemisches Recycling: der Sektor, der am meisten von Mass Balance profitierte, muss nun tatsächliche physische Inkorporation rückgewonnener Monomere im Endpolymer nachweisen. Branchenweite Investitionen zur Umstellung der Produktionswege werden auf über 1,8 Mrd. EUR bis Ende 2027 geschätzt.
Praktische Empfehlung für Einkäufer
Wenn Sie 2026 rPET mit „ISCC PLUS Mass Balance“-Deklaration kaufen:
- Zertifikatsdatum prüfen. Vor dem 15. Februar 2026 ausgestellte Zertifikate gelten bis 30. September 2026 unter v4.1. Danach — Upgrade auf v4.2 erforderlich.
- Chargen-IDs in der Sustainability Declaration einfordern. Eine Deklaration, die nur „ISCC PLUS Produkt“ ohne Chargenkennung enthält, erfüllt v4.2 nicht.
- Für lebensmittelechte Verpackungen — physische Trennung bevorzugen. Mass Balance wird in dieser Kategorie zum Compliance-Risiko. Lieferanten mit physical segregation sind die strategisch sicherere Wahl.
Die nächste Standardversion (v5.0) ist für Q2 2028 geplant und könnte Mass Balance für lebensmittelechte Anwendungen komplett schließen. Wer heute in physische Trennung investiert, hat 2028 den Marktvorteil.